Ein norwegisches KüstenstückÜber Fedje, Bergen und Stavanger
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Ein norwegisches Küstenstück

Über Norwegen denke ich grundsätzlich nur das allerbeste. Will einer dorthin segeln, so preise ich Fjorde, Berge, Wälder und Inseln. Mich faszinieren diese Weite und Stille und die Ausgewogenheit zwischen Mensch und Natur. Voll Begeisterung und ein wenig neidisch erzähle ich von der Ordnung und Harmonie. Boote und Häuser werden nicht abgeschlossen, denn Diebstahl und andere Straftaten sind Ausnahmen. Und dann diese Leere. In einem Land von 4000 Kilometer Länge wohnen nur vier Million Menschen.


Kurs Norwegen

Die Meilen über das nordeuropäische Meer wollten wir mit ein bißchen Wind beenden. Ist uns aber nicht vergönnt. Nicht einmal mit einem Frontalen. Mit der Sonne schläft nämlich der Wind ein. Motoren daher mit unserer Dehler 33 der norwegischen Insel Fedje entgegen. Der erwartete rote Leuchturm mit zwei weißen Ringen zeigt sich vor dem bergigen Land. Betäubende Wärme. Mit jeder Meile, die wir näher kommen, legen wir ein Stück Kleidung ab. Wir erreichen den Hafen Rognsvåg um 13.30 Uhr – im T-Shirt. Vertäuen das Schiff mit Buganker und Leinen an einem Felsen. Und jumpen ins Wasser. Nach kalten, schottischen 12 Grad jetzt ätzende 18 Grad Wassertemperatur.

Schuld trägt die Fernheizung Golfstrom. Ohne den wohltemperierten Strom wäre lustvolles Schwimmen undenkbar. Mit Taucherbrille und Flossen tauche ich neugierig das Schiff ab: keinerlei Bewuchs – das erstaunt mich. Auch während Grundberührungen in Schottland wurde weder Farbe abgestoßen, noch ist sonstwas beschädigt. Das elliptische Ballance-Ruder ist ohne Kratzer.

Diesseits der Nordsee ist der Sommer ausgebrochen. Aber auch erst seit einigen Tagen. Das sagt uns der Freizeitfischer von nebenan. "Bisher hatten wir einen häßlichen, nassen Sommer." Leider sagt er nicht allzu viel mehr, geschäftig spült er seine Angelausrüstung. Fedje ist die westlichste, bewohnte norwegische Insel, das wird hier überall kundgetan. "Fedje, fünf Kilometer im Durchmesser, setzt sich zusammen aus 125 Inseln und Eilanden. Fedje ist berühmt für das brillante Licht und die meisten Sonnenstunden an der Westküste Norwegens." Frische Information aus dem örtlichen Touristenbüro. Wer hier Menschen zuhauf vermutet, der wird enttäuscht sein. Es stehen zwar massig bunte Häuser in der Landschaft, aber Menschen zeigen sich nur wenige. Der 600 Einwohner Ort wirkt wie ausgestorben. Wir haben Hauptsaison, doch die Bank hat bereits geschlossen. Norwegische Kronen für ein Abendessen treibt Astrid in der Poststelle auf. Dollar kann die Postfrau zwar nicht wechseln, aber sie leiht uns ein paar hundert Kronen bis morgen. Ohne jegliche Sicherheit. Eigentlich nicht zu fassen.

In Fedje am Abend passiert nicht mehr viel. Ein bißchen Hafen, ein bißchen Häuser gucken, die kahlen Felsbuckel entlang der Straße und den Badeplatz bewundern. Das Wetter ist herrlich, und die Pizza im Restaurant entfällt. Unser Cockpit, mit Blick auf das dunkelblaue spiegelglatte Wasser des Naturhafens, ist uns lieber.

Dennoch: Vor allem das Licht fasziniert. Wir haben den Eindruck, eine Fahrt aus dem Norden in den Süden gemacht zu haben. Hier die sandgelben und blutroten Holzhäuser, dort im Balta Sound auf den Shetlands die verwaschenen grauen Steinhäuser. Beide Orte liegen auf dem gleichen Breitengrad.


Hansestadt Bergen

In Bergen, das merkt man gleich, ist natürlich alles international, will heißen: feiner, eleganter, als in schottischen Städten, die wir besuchten. Geschäfte, Kleidung, Reklame. Eine Stadt, in der es mehr Menschen auf die Straße treibt als Autos. Und: Jeder zweite, der am Kai in der Altstadt entlang promeniert, ist ein Tourist: Japaner, Deutsche, Italiener, Amerikaner. Fast jede Sprache ist zu hören. Am frühen Abend sitzen wir im Restaurant unmittelbar am Hafen. Die Bedienung ist blond und sehr freundlich. Die Küche amerikanisch, das Bier norwegisch. Ein mittelgroße Glas zu zwölf Mark.

"In Bergen könnte man es aushalten."

"Ja, wenn man wie du nur ein Glas trinkt."

"Bergen ist das Regenfaß Norwegens."

"2000 Millimeter Niederschläge werden hier im Jahresmittel registriert!"

"Dreimal soviel wie bei uns zu Hause."

"Oder fast viermal weniger als in der nassen Welt der Fjorde Neuseelands."

Bergen ist für seinen Regen weltweit bekannt. Den Eindruck bekommen wir, nachdem wir dauernd drauf hingewiesen werden, was für ein Glück wir hätten, einen dieser seltenen regenfreien, sonnigen, windstillen Tage erwischt zu haben.

Nicht nur diesen.

Von Fedje sind wir nach Hjelme gefahren. Ein meilenlanger Fjord, so schmal, daß man nicht hätte wenden können. Am Scheitel ein schneeweißes Kirchlein, wo wir die Bugleine nahezu am Kirchentor befestigten. Gerne hätten wir einen Blick hinein geworfen, sie war aber verschlossen. Außer ein paar sauber gestrichenen Bootshäusern und einer Reihe offener Kähne war nichts in der Bucht zu sehen. Nach zwei norwegischen Ankerplätzen kam Astrid zu der Überzeugung: "Hat in Schweden jeder ein Boot, so hat der Norweger deren zwei."

In dieser Bucht übernachteten wir wie auf einer Wolke. Nach Nächten mit Wind und Schlingern und einem Mordsgewitter (Fedje) flüsternde Ruhe. Abgesehen von unserem tiefen Atmen herrschte völlige Stille. An dieser Stelle, eingekeilt zwischen Bergzügen, in Verbindung mit einem lieblichen Gotteshaus, war ich mir sicher, eine Welt betreten zu haben, in der es nichts gab, an der es sich zu reiben lohnt. Meine Frau schlief ja weit entfernt – im Vorschiff.

Nach Hjelme begaben wir uns auf Norwegens "Reichsstraße Nr.1". So nennt man die Seeverbindung entlang der norwegischen Küste. Eine mit Bojen, Baken, Leuchttürmen, Richtfeuern und dergleichen gespickte Route. Ein wichtiger Seeweg, um Fracht in die einsamsten Gegenden zu transportieren. Und – zumindest im Sommer – gilt die Strecke mit einem der berühmten Hurtigrute-Schiffe als schönste Seereise der Welt.

In der Passage Det Naudar, "warum gerade in dieser engen Kurve?" kam uns ein Hurtigrute-Schiff der neusten Generation entgegen. Die weiße, kantige RICHARD WITH. In ihrem Aussehen steht sie den riesigen stählernen Schuhschachteln, die heutzutage die Ostsee befahren, in nichts nach. "Auf den großen Schiffen sind zwar alle freundlich, aber es kennt einen keiner mehr, und man merkt oft nicht, daß man überhaupt auf einem Schiff ist", sagt eine deutsche Passagierin, die in Bergen die Fahrt beendet hat und sehnsüchtig auf uns Bootsreisende blickt.

Bergen Vågen ist der Hafen für durchreisende Yachten. Gleich gegenüber der "Bryggen", der alten hölzernen Kontor- und Lagerhäuser aus der Hansezeit, ist unser Liegeplatz. Neben dem "do-it-yourself" Segelkutter ASTRONOTUS II aus Wilhelmshaven, einem dieser formstabilen Doppelknickspanter aus Stahl, gegen die der Rumpf unserer KATHENA INA zart wie Eierschale wirkt. Dieses 15-Meter-Schiff gehört Otto und Hanni Zimmermann. Selbst gebaut mit Schweißgerät, Fäustel und wenig Geld. Es ist die dritte deutsche Yacht auf unserer Nordseetour.

Zimmermanns freuen sich. Wir freuen uns. Gemeinsam haben wir viel durchzutratschen. Ist doch Otto einer der "echten" Weltumsegler. 1969 startete er seinen ersten Törn um die Erde. Mit dieser ASTRONOTUS hat er ebenfalls einen Rundtörn im Kielwasser, mit eingeschlossen das wahre Kap Hoorn – von Neuseeland kommend. Das war Ende der achtziger, seitdem segeln Hanni und Otto "nur" kürzere Törns. Nach Island, zu den Azoren oder der norwegischen Küste. "Für mich ist der Weg nicht zu weit, um jenes blaue Blümchen vom Vorjahr wiederzusehen, das küstennah im Sognefjord wächst." Otto liebt die gnadenlose Wildnis. An Land wie auf dem Meer. Ein Navtex? "Bist du bescheuert. Unsere Abfahrten ähneln Zugvögeln. Ein Blick auf die Wolken, ein Blick aufs Glas und es passiert." – Oder auch nicht.

Wir erleben das Wochenende in Bergen: Fast südländisch wirkt der Gemüse- und Fischmarkt am Kopf des Hafenbeckens. Berge von rotfarbenem Lachs, wunderschön drapiert, einer wie der andere. Und gar nicht teuer. Begierig hätte Astrid am liebsten gleich hineingebissen. Otto jedoch rät spontan ab: "Sind alles Lachse aus Aquakulturen. Dem Futter wird ein roter Farbstoff beigemengt, der das Fleisch der Fische schön lachsrot macht. Und dann ist das Fleisch schlaff, weil die Tiere zu wenig schwimmen. Manchmal sind hunderttausend junge Lachse in einem einzigen Becken." Nach Ottos Aufklärung, die natürlich viel ausführlicher ausfällt, auch den Hinweis auf Antibiotika läßt er nicht aus, ist Astrid der Appetit vergangen.

Was noch? Mit der Seilbahn auf den Ulriken (642 Meter), Bergen von oben betrachten. Das älteste Gebäude der Stadt, die Marienkirche aus dem 12. Jahrhundert, bewundern. Und immer wieder "Bryggen", liegt ja nur einige Schritte von unserem Liegeplatz entfernt. Gut erhaltene hochgieblige Holzhäuser mit großen Innenhöfen aus der Blüte der Hansezeit. Deutsche Kaufleute errichteten das Viertel, als sie den Handel an dieser Küste beherrschten. Lüneburger Salz gegen Stockfisch. Bergen war der einzige Hafen an der Küste, von dem aus Fisch exportiert werden durfte.

Und sonst? Abschied. Mit einem selbstgebackenen Kuchen von Hanni an Bord stoßen wir von der ASTRONOTUS ab. Als gebürtige Bayerin hat Wegzehrung für sie noch Bedeutung.


Nordische Wildnis

Trongevågen, Insel Aalforo, wieder eine Felsspalte. "Die Norweger", sagt Astrid und stellt sich aufs Kajütdach, "sind zu beneiden. So weit ich sehen kann nur Steinbuckel." Ein Ozean voller Inseln. Urgestein, das mit dem Meer verwachsen scheint. Und da mittendrin liegt unser Boot. Solo. An Backbord eine 70 Meter hohe senkrechte Wand. An Steuerbord ein sanft geschwungener Hang, mit ein paar Tannen bewachsen. Und am Eingang zu diesem Versteck stehen eine Handvoll Holzhäuser, in denen, wie Astrid glaubt, "schweigende Norweger sitzen und in den Fjord schauen." Doch die Hütten mit Stegen stehen leer. Wohl nur am Wochenende und während der Sommerferien zieht es die Menschen hinaus in diese Schärenwelt. Jetzt Ende August sind die Ferien vorbei.

Jede einigermaßen situierte Familie verfügt über eine "hytter". Die Hütte ist für den Norweger Inbegriff für Unabhängigkeit und Einsamkeit. Wohl manche Hütte ist wild gebaut, ohne Baugenehmigung. Und manchmal wundert man sich sehr, wie die Baumaterialien überhaupt herangeschafft worden sind, so abgelegen und unzugänglich liegen einige Holzhäuser. Weitläufig genug, um allen das eigene Hüttenidyll zu gewähren, ist die norwegische Küste ja. Es gibt Tausende dieser Inseln, ideal zum Angeln, Motorbootfahren, Sonnen, Baden. Und zum Fernsehen. Darüber wundere ich mich am meisten, denn auch isolierte Inseln sind mit Stromkabeln versorgt. Selbst die letzte Hütte ist verkabelt.

Wir liegen vor Anker. Die Wasseroberfläche kräuselt nicht einmal, außer wenn wir mit dem Dingi an Land rudern. Ein malerischer Ankergrund. Die Zeit steht still.

Über uns der blaue hohe Himmel, während wir uns langsam über die gewellten Felsenrücken bewegen. Es ist noch nicht so spät, aber das Licht ist irgendwie unwirklich. Stahlblau. Und es ist vollkommen windstill. Mitten auf der Insel Aalforo ein See mit zerrissenen Ufern. Blanke runde Felsen starren uns aus dem See an. Wir stehen hoch über ihm. Zögernd setzen wir unser Hill-Walking fort. Im Tal ist es moosig und sumpfig. Die Insel ist von hellen Granitfelsen überwuchert. Schier endlos steinig. Aber immer begehbar. Jede Kuppe ist, zwar mit Umwegen, zu besteigen. Hin und wieder hören wir auf dem Meer Möwen kreischen. Zutrauliche Schafe folgen uns. Alles ist sichtbar wild, im Gegensatz zur versteckten Natur wie sie der Dschungel bietet. Manche Stellen sind von einer geradezu schroffen Wärme. Ich notiere abends: "Es ist die perfekte schöne Wildnis. Wunderbare Steinflächen, Klippen, Grate, Schluchten, das alles ist zu begehen. Nordische Wildnis. Nordisches Licht." Das vor allem fasziniert – auch noch Ende August.

Das Bild des Abends schlechthin: Die Sonne rollt langsam auf den Horizont. Versinkt langsamer und langsamer. Die Schatten der Felswände decken KATHENA zu und spiegeln sich zugleich. Und alles steht unbeweglich für unendlich lange im bleichen Licht erstarrt. Nicht weit vom Ufer breitet eine Möwe ihre Flügel auf einem Stück Treibholz aus, setzt sich nieder, um gleich darauf wieder aufzufliegen. Die gläserne Welt wird zerschlagen, das Wasser dunkel, die Tannen vor dem noch hellen Himmel schwarz. Ich beuge mich über Bord, hole die Angel ein und schnell, schnell eine Flasche Wein aus der Kajüte. Die Nacht hat begonnen.

Stillvergnügte Meditation in einer Bucht einer der unzähligen Schäreninseln. Noch lange genießen wir das Dasitzen im Cockpit, aufs Wasser schauen, ins Glas starren, bis sich ein unheimliches Glücksgefühl einstellt, weil das Denken total erlischt. Die lautlose schlichte Szenerie ist das Faszinosum.


Steilhänge mit Wasserfällen

Im Lysefjord sieht die Welt ganz anders aus: Felsabbrüche, vom Ufer weg, senkrecht bis zu 600 Meter nach oben – und 200 Meter abwärts. Schon bei der Einfahrt in den über 20 Meilen langen Fjord Faltbootfahrer, Ausflugsboote, Motorboote und als i-Tüpfelchen das Traumschiff EUROPA aus Bremen. Mit langsamster Fahrt schiebt es sich majestätisch in den schmalen Meeresarm. Man bietet den Gästen gewissermaßen Natur im Rohzustand – aus dem Liegestuhl. Parallel fährt eine Barkasse der EUROPA, bepackt mit den jüngeren Passagieren, die den Lysefjord mit Akkordeonmusik auf der Back und "La Paloma" auf der Zunge erobern. "Lustfjord" tauft Astrid dann auch spontan diesen Fjord.

Die vollendete Schönheit des Lysefjordes haben wir etwa ab der Mitte für uns. Die meisten anderen Boote inklusive EUROPA haben abgedreht. Auf Tuchfühlung mit Wasserfällen, die schäumend herabstürzen, Fjellkanten und Graten, die knallhart gegen den blauen Himmel stehen, knipse ich in dem schmalen Fjordarm unsere KATHENA aus dem Beiboot: Unter Fock, unter Genua und letztlich für unseren Förderer Tupperware noch unter Spinnaker – während meine liebe Ehefrau, Mitseglerin und Fotopartnerin die erforderlichen Segelmanöver allein bewerkstelligt. In der reinen Luft erlebt man Licht und Farben viel intensiver.

Es geht nicht, ich kann die Landschaft nicht beschreiben, niemand kann es, oder? Nicht schon wieder, und nicht nach Schottland. Dieser Fjord ist bildschön. Punktum. Astrids Fazit sollte genügen: "Es ist praktisch unmöglich, im Lysefjord ein häßliches Bild zu schießen." Am besten Segel setzen und selbst überzeugen.

Ein Fjord hat seine eigenen Winde. Und die sind schlichtweg aufreibend oder präziser - unberechenbar. Entweder es weht stark aus einer Richtung oder gar nicht - was häufiger der Fall ist. Im Lysefjord ist schon deshalb schlecht segeln, weil er mit nur einer dreiviertel Seemeile schmal und rechts und links sehr steil ist.

Wir haben festgestellt, daß ein Fjord, der tief in die Berge hineinzüngelt, am Eingang immer einen Hafen hat. Beim Lysefjord ist es Bergavik. Zwei Liegeplätze stehen Besucheryachten mit "Tiefgang" zur Verfügung. Einer wird sogleich von KATHENA belegt, den anderen nimmt später ein norwegischer Motorsegler ein. Die SONJA.

Bergavik, ein größeres Dorf, ist menschenleer. Alte und neue Häuser sind durchweg in mildem Gelb gestrichen. Eine Holzhaus-Idylle. Die Seitenwege ungepflastert. Im Block am Straßenrand sind Briefkästen mit selbstgemalten Namen montiert. Der Vorname Birge scheint hier beliebt zu sein. Herrliche Veranden richten sich auf den Lysefjord. In der stillen Bucht kreuzt nur die Fähre. Ich mache den Rundgang durchs weit verzweigte Dorf zweimal, eben um Leute zu sehen, aber es begegnet mir nicht mal ein Auto.

Die Abendsonne fällt auf die Bootsanlage, auf die SONJA, auf der schweigend ein Pärchen sitzt. Wer auf ein Gespräch seitens der Norweger hofft, der kann lange warten. Die alte Wikinger-Tradition, weitverbreitete Skepsis gegenüber Fremden, ist wohl geblieben. Sie sind bei Gott nicht fremdenfeindlich, sie wollen nur nicht von allen Besuchern behelligt werden. Es sei denn, man wünscht eine Auskunft oder hat ein Problem, sagen wir mit dem Boot, sucht Gasflaschen oder möchte wissen, ob sich die Liegeplätze in Stavanger lohnen. – Sie lohnen nicht.

Eine Flasche Rotwein lockt die eigenwilligen Individualisten der SONJA aus ihrem Cockpit. Wir reden ein paar Sätze. Vom Wetter, das schön ist. Von den Preisen, die künstlich hoch gehalten werden. Von den norwegischen Steuern, die 50 Prozent betragen. Bald sitzen wir zusammen, als wär`s ein Abend unter Bekannten im Segelclub. Gespreizte Förmlichkeiten tauen weg wie Eiswürfel im Longdrink. Bergliot und Knut sind beide aus Tau, einer Stadt etwas nördlich von hier. Ihr båtclubben baut dort gerade den Sportboothafen aus. Auf meine Frage, ob der reiche Staat das nicht in die Hand nehmen könne, reagieren sie entrüstet: "Vergnügen zu finanzieren ist ja nicht Sache des Staates." Ansonsten fließen nämlich genug üppige Vergünstigungen. Knut, der im 14-Tage-Rhythmus auf einer Bohrplattform als "Pumpman" tätig ist: "Wir haben ja sonst schon eine bombastische Infrastruktur, jede entfernteste bewohnte Insel wird versorgt. Und außerdem haben wir kaum Arbeitslose."

Irgendwie mißtrauen die Norweger der Beständigkeit des Glücks. Die Vorräte unter der neuen "Landschaft", den Bohrplattformen, garantieren eine Förderung von Öl und Gas für Jahrzehnte.

Stavanger, das Synonym für den Reichtum des modernen Norwegens, die Ölhauptstadt des Landes, passieren wir am anderen Morgen: Tanker vor Anker, Tanker in Fahrt, Tanker in der Werft, Offshoreschiffe und starke Hochseeschlepper prägen das Bild. Und: Gigantische Stahlkonstruktionen werden vor der Stadt zusammengebaut, um sie später als Bohrtürme und Schlafstätten zu den Öl- und Gasfeldern in der Nordsee zu schleppen. Alles kündet unübersehbar von einem neuen Lebensstil, der freilich nicht überschwappt. Die Norweger schmeißen nicht mit dem Geld herum. Die Suche nach Öl und die Vorbereitung der Förderung ist teuer. Für Bau und Ausstattung einer Plattform müssen unglaubliche sieben Milliarden Mark investiert werden.

Die Norweger zeigen sich aber großzügig. Zum Beispiel wurden bisher nirgendwo Liegegebühren erhoben. In Tananger haben wir gegenüber vom Holzsteg ein brandneues Sanitärhaus mit Waschmaschine für uns gehabt – und keine Zeituhr beim Heißduschen.

Noch mal zurück nach Stavanger. Mit dem Bus sind wir in einer halben Stunde in der aufregendsten Stadt Norwegens. Ihre mittelalterliche Domkirche und die malerisch verwinkelte, einheitlich weiß getünchte Altstadt erinnern noch an die Zeit, da man die Bevölkerung dieser Region als besonders arbeitssam und gottesfürchtig kannte. Deswegen wurde Stavanger auch von Oslo als Zentrum der Ölindustrie ausgewählt. Doch zuvor sorgten ein Jahrhundert lang Heringe und Sardinen für das Überleben der Stadt. Um die Jahrhundertwende wurden um die fünfzig Millionen Dosen Sardinen in einem Jahr in alle Welt exportiert. Heute ist von dieser Lebensader der Stadt nur noch eine zum Museum ausgebaute Konservenfabrik übriggeblieben. Dort erfahren wir, daß 1910 fünfhundert Millionen Ölsardinen durch die flinken Hände der Frauen von Stavanger gingen. Auf sehenswerten Fotos werden die Sardinen einzeln in die Fischbüchsen gelegt.

Wie auch immer, wir laufen Straßen und Gassen ab. Kneipen, viele Restaurants und noch mehr Geschäfte. Die Angestellten von 13 ansässigen Ölfirmen wollen versorgt sein. Da wir beim Bootsausrüster Helge Myhre kein Geld lassen, legt Astrid sich endlich ihr obligatorisches Kleid pro Reise zu. Mit umgerechnet 420 Mark fällt es etwas teurer aus als geplant, ist aber hübsch (grüngrundig) und von bester Qualität. Auf dem Markt kaufen wir jeder ein Pfund norwegische Kirschen und spucken die Kerne ins Hafenwasser von Vågen, dem Gästehafen von Stavanger, wo nur ein einziges Besucherboot dümpelt. Es ermahnt uns: Der Sommer ist vorbei, wird Zeit, daß ihr euch auf den langen Weg nach Hause macht.


Ein Küstenstück

Morgennebel, die nur langsam vergehen. In Marsch gesetzt von einem Südwest, der vage nach See riecht. Segel abgetucht, Zündschlüssel klar und – "halt, ich muß noch schnell in den Supermarkt einen Korb vollpacken."

Norwegen ist à la Postkartentext gesagt wunderschön. Norwegens Natur noch in einem unvergleichbaren Zustand. Norwegen ist ein Land mit hohem technologischem Standard. Und: Norwegen ist mit seinen Ölvorkommen auf der Sonnenseite. Indes: Norwegen ist bei allem Reichtum auch ein Land mit hohen Konsumpreisen. Ein Hundertkronenschein, 25 Mark, reicht uns gerade für Brot, Milch und Obst für einen Tag.

In Tanangar kaufen wir noch ein letztes Mal groß ein. Es ist eine Freude, in diesem modernen Supermarkt einzupacken. Die Kassiererin schaut einem in die Augen, sagt "takk" und wartet bis man seine Sachen in der Tüte hat, bevor der nächste Kunde dran ist. In Norwegen nimmt man sich noch Zeit. Die norwegischen Lebensmittel sind durchweg von hoher Qualität. Einbezogen meine geliebten Tomaten – Stück drei kroner. Astrids geliebte kulturmelk (Buttermilch) kostet zehn kroner. Das Bund Zwiebeln 15 kroner. Blue Cheese ist fast unbezahlbar. Astrid tröstet sich: "Dafür zahlen wir keine Hafengebühren."

"Und nichts für Duschmarken."

Der Himmel ist bedeckt, und es weht ein leidlicher Wind, als wir endlich von Tananger loskommen – für ein Küstenstück mit vorgelagerten Inseln und tief ins Land züngelnden Fjorden; für ein 100 Meilen Küstenstück von kargem, unwirtlichem Charakter, von äußerst hartem, schwer verwitterbaren Felsgestein.

Mit hoher Fahrt geht es zwischen den vielen schützenden Felseninseln ins tiefe blaue Wasser der Nordsee. KATHENA markiert bei Windstärke 4 von achtern rauschendes Kielwasser. Der Autopilot arbeitet mit kleinen Ausschlägen. Ich liege auf der Cockpitbank und schaue abwechselnd in die ausgebaumte blauweiß gestreifte Genua, und dann wieder in die schäumende glasklare Bugwelle, die meterweit in hohem Bogen zerstäubt.

Fahrtensegeln, mit Betonung auf "Fahrten", ist eben doch eine herrliche Sache. Die vielen Motorstunden und Ausflüge der vergangenen Tage im Erfjord, im Lysefjord und nach Stavanger mit seinem Konservenmuseum sind vergessen.











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Nordsee-Blicke
288 Seiten, 60 Farbfotos, 39 Abbildungen und Karten, broschiert
Delius Klasing Verlag  |  EUR 12,00
ISBN 3-7688-1780-6

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