Schottland - Grüne Flecken am Tellerrand Europas
 
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CRAOBH HAVEN | In einer Cafebar packe ich mir Broschüren ein. Texte und Bilder beschwören Abgeschiedenheit, Historie, Schönheit, Sehenswürdigkeiten. Das Übliche. Die Hebriden werden wie andere Touristik-Landschaften auch als einzigartig dargestellt. Der Grund dafür liegt sicher in dem Bedürfnis, sich bedeutend zu machen, um auf diese Weise zu suggerieren, daß man ist, wo man ist. Noch sind wir aber nicht da, um festzustellen ob es ist wie plakatiert. Sehen können wir einige Inseln der Inneren Hebriden, die sich dicht ans Festland schmiegen.

Um dort hinzukommen, wo wir jetzt sind - Westküste Schottlands - ist mit einem Segelboot eine mehrwöchige Reise. Unser Kurs führte von der Deutschen Bucht über Belgien, London, Kaledonischen Kanal in die neue und moderne Craobh Marina. Hier haben wir nicht festgemacht, um Wasser zu bunkern oder gar bequem an Land gehen zu können, nein primär um das Endspiel der Fußball Europameisterschaft im Fernsehen anzuschauen. In der einzigen Pub, dem "Lord of the Iles", stehen drei Fernsehgeräte bereit, aber nur wenige wollen das Spiel der Deutschen und Tschechen sehen. Wir erfahren von den Briten, daß die einzige populäre Deutsche Steffi Graf ist. Über den Sport hinaus.

SEIL ISLAND | Der Absprung zu den Hebriden ist nur ein Hüpfer. 20 Seemeilen um die Ecke. Puilladobhrain, der "schlichte" Name der Bucht ist das Faszinosium. Andere haben das wohl auch so gesehen. Die sichere Bucht ist gut beankert. Von der CAROLINE EMMA werden wir gleich rüber gewunken: "Come for a drink." Vor freudiger Überraschung will ich ins Beiboot springen. Doch voll am Dingi vorbei. Meine Kleidung an diesem Juni nachmittag, unter anderem Gummistiefel, Wollpullover und schwere Fleecejacke ziehen mich mächtig nach unten. Wieder trocken frottiert nehme ich die Wassertemperatur: 11 Grad Celsius. Auf dem alten Motorsegler wird, was Wunder Tee angeboten. Man reicht ihn uns in hohen Tassen mit Untertassen. Es ist Milchtee, ein herber, schwarzer Tee mit viel Frischmilch und Zukker nach. Die Wärme und Süße ist mir nach meinem Reinfall willkommen. Ich trinke die Tasse hastig leer. Die Crew, zwei Schotten mit einer Aufgabenteilung wie sie auf deutschen Booten selten anzutreffen ist: Der eine ist Eigner und der absolute Chef. Er sitzt im Cockpit, in feinem Tweed, unterhält und delegiert. Der andere in einer schäbigen Öljacke spült Gläser, verstaut die Segel, reißt an der rostigen Kette. CAROLINE EMMA ist nur neun Meter lang. Unsere Gesprächsthemen kreisen um aktuelles: BSE, EU, Sport. Die Neugierde an uns basiert auf KATHENA INA. "Do you feel secure?" Ob wir uns mit diesem Design in diesem Revier sicher fühlen. Viele meinen in der Tat, der grade Steven würde bei Welle das Boot glatt in die Tiefe ziehen. Mit unserer Dehler 33 sind wir wahrhaftig Exoten unter den stäbigen Britenbooten. Und dann unser Ankertau über der Teleskopbugrolle - das sieht nun wirklich spillerig aus. Wir sind nämlich die einzigen, die hier mit Kette und angeschäkeltem Tau ankern, alle andern haben ausschließlich Kette im Wasser. Als es aber in dieser Bucht zu einem unangenehmen Sturm kommt, sind wir eine der wenigen Crews, die nachts durchschlafen können. Andere haben die uns zugedachten Probleme. Sie müssen immer wieder neu ankern.

Die Sehenswürdigkeit der Bucht ist eine Brücke aus dem 18. Jahrhundert, die Seil mit dem Festland verbindet. "Brücke über den Atlantik" genannt. Zwar nur über einen 50 Meter breiten Wasserarm, aber früher galt für die Einheimischen das Wort bei jeder Annäherung der Inseln "across the atlantic". Ein zwei Kilometer langer Fußweg führt zur gemauerten Brücke. Lange stehe ich auf dem Scheitel der schmalen Brücke. Gedanke: Ein neues Stück Segeln beginnt mit den Hebriden, deren Berge ich am Horizont sehe.

TOBERMORY | Der erste Blick wird allgemein für informativ gehalten: eine Häuserfront, in grellen Farben gestrichen, Hotel neben Hotel, Bar neben Pub, Boutiquen, Shops, eine schöne Hafenpromenade, zahlreiche Segelyachten spiegeln sich im klaren Wasser der Bucht. Der erste Augenschein von Tobermory signalisiert ein Touristenzentrum. Besonders idyllisch nehmen sich die kleinen Cafes aus, in denen vorwiegend Tee getrunken wird. Astrids widmet ihre Aufmerksamkeit einem Eisenwarenladen. In den Regalen ein Sammelsurium von Teekesseln, Zaundraht, Kekspackungen, Büchern. Sie kauft "hanging baskets" - hängende Drahtkörbe für Blumen.

Segeln in diesem Revier ist derzeit keine Erholung: Böen, Regen, Flaute, Sonne und immer Strömung. Einzigartig nur die farblichen Abstufungen der Berge und Wolken. Regenschleier, Dunstschleier, Lichtstrahlen, Sonnenstrahlen. Alles geht dabei stufenförmig ineinander über. Atemberaubend. Hier trifft das Wort.

LOCH SCAVAIG | Wind, Regen, Berge. Das sind die inneren Hebriden. Vorbei an der verlockenden Ostküste von Rhum steuern wir Skye an. Genauer Loch Scavaig. Nichtahnend, daß dies der spektakulärste Ankerplatz der gesamten Hebriden wird. Mit Blick auf die "peaks of Cuillin Hills" liegen wir solo in einer vollkommen geschützten Bucht. Kreisförmig und gerade so groß, daß sie sich als totale Isolation empfinden läßt. Der Gipfel des höchsten Berges, Sgurr Alasdair 1009 Meter, ist umwoben von Regenwolken. Immerfort. Unmittelbar neben KATHENA INA rauscht ein Wasserfall. Ohne Ende. Fallböen kräuseln die spiegelglatte Wasseroberfläche. Unentwegt.

Die Intensität der Szenerie macht landscharf. Auf zu den Kuppen. Leider komme ich beim ersten Mal nicht weit. Die Hänge sind naß, schroff und steil. Astrid versucht es erst gar nicht. Schon der Landgang ist eine Aufgabe. Man kommt nur über glitschiges Geröll und Tang gefährlich balancierend auf den schmalen Strand. Der bietet auch nicht gerade das, was man Auslauf nennen kann. Da stehen wir dann später beide: Öljacke, Gummistiefel, hängende Schultern.

Was können wir tun? Unseren Tank mit Fallwasser auffüllen. Gut, sind aber nur 85 Liter. Körperwäsche. Geht wegen der Kälte schneller als geplant. Rechts vom Ufer sprudelt ein Fluß ins Meer. Dort geht Astrid ihrer liebsten Beschäftigung während einer Segelbootreise nach: Wäsche waschen. Obschon ein modernes Boot, bietet KATHENA INA das einfache Leben, das wir mit Segelreisen so sehr verbinden. Kein Rollreff, keine installierte Heizung, keinerlei Kühlung. "Das Bier aus der Backskiste ist eh kälter als zu Hause aus dem Kühlschrank."

Irgendwann hört jedes nasse Wetter auf. Die Sonne zeigt sich. Mit Gummistiefeln ans Ufer. Mit Wanderschuhen aufs Plateau direkt vor uns. Sind nur 338 Meter. Der Ausblick dauerhaft schön. Berge, die man auch besteigen kann, haben etwas Magisches.

AUF SEE | Ganz klares Wetter. Inseln in Sichtweite. Zunächst. Ein Hochgefühl mit leichtem Schrick in den Schoten durchs Meer zu ziehen: 4 Knoten, 4,8, 5,5, 6, 7,3. Eigentlich fabelhaft. Ein Traum das Segeln, das weiße Boot, das leicht aufgerauhte Meer. BBC und Luftdruck signalisieren stabile Wetterlage. Meine Mitseglerin räkelt sich im Cockpit. Ich toaste altes Brot in der Pfanne, belege es mit Cheddar. Das Gummibeiboot im Schlepp bremst leider die Fahrt. Aber was soll`s, wir sind zu faul, es an Deck zu holen. Der Kampf mit den Elementen findet sowieso nicht statt. Denken wir. Doch auch heute kommt es anders. Die letzten 15 Meilen am Wind: Genua gegen Fock wechseln; Großsegel 1.Reff; Fock bekommt eine Reffreihe; Groß 2.Reff. Glücklicherweise kann der Kurs gehalten werden. Die Ansteuerungstonne von Barra/Castlebay schneiden wir. Weil`s so schön kribbelt.

BARRA | Beliebt bei britischen Seglern, die sich fordern. Die exponierte Insel trifft das Nordatlantikwetter nämlich vierkant. Viele der blauen Gästebojen sind dann auch frei, als wir unter Segel in Castlebay einlaufen. Barra ist die südlichste bewohnte Insel der Äußeren Hebriden, einer Kette von 500 Inseln und Eilanden. Und Barra bietet herrlich weiße Sandstrände zur Atlantikseite hin, das Kishmul Castle auf einem winzigen Steinhaufen in der Bucht und als Attraktion einen Flughafen, dessen Landebahn wegen der Tide täglich zwei Mal überflutet wird.

Die Landebahn interessiert uns weniger, ein guter Liegeplatz fürs Dingi ist uns wichtig. Aber daran hapert es. Die Rampe ist glitschig. Ich komme ins Rutschen. Finde mich halbwegs im Wasser wieder. Glücklicherweise habe ich meine Standardkleidung an (Ölzeug). "Naß werden ist wohl dein Schicksal auf dieser Fahrt." Wir haben Hunger. In einem Trödelladen mit angeschlossenem Cafe bestellen wir Chips mit Fisch und Huhn. Ein paar winzige Tische sind neben Papierwaren und Stoffen aufgestellt, und fertig ist die Eßstube. Fürs Bier steuern wir die Castlebay Bar an. Am Tresen stehend, genießen wir das randvolle Pint-Glas zu 1 Pfund und 80 Schilling. Meine Frau trinkt Lager, ich Bitter. Hinter uns rollen die Kugeln beim Poolbillard. Aus dem Lautsprecher ertönen alte Hits wie "I never promised you a rosegarden." Auf Barra wird der Fremde angesprochen. "You had a nice day?" Ja, wir hatten einen schönen Tag. Immer wieder am Anfang und am Ende des Tages das Wetterthema. "Last year....beautiful summer."

Anderntags nutze ich die Zeit bis zum mittäglichen Auslaufen wegen der Tide, für eine Hillwanderung. Die 200 Meter hohe Insel bietet keine Schwierigkeitsgrade. Überall sind zudem Schilder in englischer und gälischer Sprache. Meine liebe Frau besorgt derweil Lebensmittel im Shop. "Was kaufe ich bloß zu essen?" Schicksal, daß sie gerade dran ist.

ERISKAY | Ein winziges Eiland mit einer total geschützten Hafenbucht. Wie alle Hebridendörfer wohnen die Leute in einer Art Streusiedlung. Also weit auseinander. Das liegt am System der Crofter, der Kleinbauern, die um ihr Haus herum Land- und Viehwirtschaft betrieben und betreiben. Das Zentrum der 170 Bewohner bildet der Kaufmannsladen und die alles überragende Kirche - St. Michael`s Church. Die Kirchenglocke stammt von dem deutschen Kriegsschiff Derfflinger, das 1919 bei Scapa Flow gesunken ist. Vom Glockengalgen aus kann man ungestört in die Inselwelt schauen und weit auf den Atlantik, also in die Ewigkeit.

Vorwiegend Kinder und Frauen sind zu sehen. Wir erfahren: Viele Männer verdienen ihr Geld auf den Ölfeldern der Nordsee. "Gäbe es Arbeit auf der Insel, würden sie nicht fortgehen. Es ist schön hier zu leben." Fischfang ist unbedeutend. Ein paar Boote landen nur noch geringe Mengen Garnelen, Hering und Makrelen an.

Tip: Golfschläger mitbringen. Ein ungewöhnlicher Golfplatz mit Fernblick Richtung Amerika lädt zum Einlochen ein. Allerdings: Am Sonntag ist Golfspielen verboten.

LOCH SKIPORT | "Werden hier die schottischen Skimeisterschaften ausgetragen?" fragt Astrid sarkastisch beim Blick über die von uns ausgesuchte Bucht. Dunkle Berge, Nebelschwaden, Schafe, weiße Schaumstreifen. Eine schlimme Überfahrt liegt hinter uns. Dichter Nebel und richtiger Sturm haben uns gefordert. Mußten sogar kurzfristig die Sturmfock setzen. Astrid war mir unangenehm verbissen an der Pinne. "Ich bin kein junges Mädchen mehr," als ich sie auf ihre Angespanntheit anspreche.

LOCHMADDY | Wieder ein harter Wind. Ablandig aber böig. Astrid sagt resignierend: "Windstärke 3 gibt`s hier wohl nicht." Ich plane für mein Buch eine Wind-, Wetter- und Temperaturentabelle. Meine Mitseglerin winkt ab: "Dann segelt keiner zu den Hebriden." Im Hafen an einer Gästeboje das übliche Ritual: Klarschiff, Kaffee, Kämmen, Landgang. Dort Blick zurück, Heimatmuseum, Kirche, Shop, Pub sofern vorhanden. Im Lochmaddy Hotel gibt`s endlich die Möglichkeit zu duschen: fünf Pfund inklusive Seife und Handtücher.

SCALPAY | Eine Insel, Harris zugehörig. Ein exzellenter Hafen mit urbaner Atmosphäre: verrottete Stege und ein neuer Kai säumen die Ufer. Gut gebaute Häuser ziehen sich am Hang hinauf. Während andere schottische Inseln ihre Bevölkerung verlieren ist Scalpay eine der ganz wenigen, die sie hält: 1861 lebten hier 388 Leute, heute 382. Es stimmt die Infrastruktur. Und die Leute haben Arbeit. Ackerbau. Knittwear. Fischfang. Hauptsächlich Garnelen. Hier im Norden der Hebriden ist der Glaube noch der Fels in der Brandung. Ein großes protestantisches Gotteshaus steht dafür zur Verfügung. Auf Scalpay wird der Sonntag mit fundamentalistischem Eifer eingehalten. Die Fischerboote liegen allesamt im Hafen, der Store hat geschlossen und gekocht wird am Abend vorher. Man sieht keine Kinder auf dem eingezäunten Spielplatz mit Tartanboden. Messen werden mehrere gelesen und gut besucht. Die Leute gehen verhalten, fahren aber meist gleich mit dem Auto davon. Gottesfurcht. Wir liegen solo im Hafen längsseits von einem Fischerboot. Eingeweht im übertragenen Sinne.

MARIVEG | Wie entzückend. Die Sonne kommt raus. Schnell die muffigen Polster an Deck zum Trocknen. "Ich wußte nicht das dies ein Überlebenstrainingstörn werden sollte, dachte eher an eine Vergnügungsfahrt." Mariveg, das ist bereits auf der nördlichsten Insel, der Isle of Lewis. Eingerahmt von 200 Meter hohen Berghängen bietet sie nichts weiter als Schutz bei sieben Windstärken draußen. Der Anker faßt zum ersten Mal nicht gleich, ein dicker Gras- und Tangteppich bedeckt den Sandgrund. Leider wie so häufig miserable Landungsmöglichkeiten. Möchte einen Berg besteigen, komme aber einfach nicht vom Ufer weg. So genießen wir die Stille im Cockpit. Beide auf der Steuerbordbank.

STORNOWAY | Anfang des Jahrhunderts war Stornoway ein mächtiger Fischereihafen. "Damals waren hier 1000 Boote beheimatet", erzählt man uns im Hafenamt, "heute zählen wir bestenfalls 30 bis 40 Trawler. Ausländische Flotten haben das Revier leer gefischt." Der Hinweis ist uns an schottischen Küsten schon bekannt. Der gute Hafen zieht jetzt Kreuzfahrtschiffe an und Fähren natürlich. Stornoway ist die Hauptstadt von Lewis und den nördlichen Hebriden. Uns fällt auf, daß die Leute mit denen wir in Kontakt kommen, MacDonald oder MacLeod heißen. Neuerdings bemüht man sich um Besucheryachten. Brandneu ein Schwimmsteg im Scheitel des Hafens. Acht Pfund pro Nacht. Duschen gibt`s in der Seemannsmission gegenüber vom Fischereikai. Ausblick: Lews Castle, umgeben von einer auf den steinigen Inseln seltenen Baumlandschaft.

Es geht uns gut. Eine kleine Stadt mit einer Ladenstraße. Ich kaufe mir einen handgestrickten grünen Pullover. Original Harris Knittwear. Harris Tweed habe ich schon zu Hause im Schrank hängen. Astrid langt bei den schönen Postkarten zu. Ich habe Sorge, daß sie wie so oft ungepostet bleiben. Fürs Schiff bunkern wir Diesel und Gas. Damit Gasflaschen bei Seegang nicht wieder durch die Backskiste rollen, baue ich endlich eine Holzkiste.

Ja, es geht uns fabelhaft. Sonne. 25 Grad Celsius! Und: Kym, unser Sohn, fliegt ein. Nach vielen Jahren will er mal wieder en famille segeln. Drei Wochen lang. Und fotografieren. Inzwischen sind auch die visuellen Ansprüche der Fachzeitschriften gestiegen, so können wir einen guten Fotografen gebrauchen. Da wir ein ordentliches Stück Leben in der YACHT plaziert haben noch diese Information: Kym studiert Grafik & Design.

Um einen Eindruck von Lewis zu bekommen, müssen wir Stornoway verlassen. Also tun wir das, was Charterer in Regel tun: einen PKW mieten. Erstes Ziel sind die Standing Stones von Callanish. Die stehenden Steine sind vier und fünf Meter hoch, rauh und sicherlich unheimlich schwer. Etwa vor 4000 Jahren wurden sie von Menschenhand kreisförmig auf einem Plateau aufgestellt. Wahrscheinlich ein prähistorischer Kalender. Ich hasse typische Touristenziele, aber diese 48 Monolithe aus der Steinzeit kann man nur bewundern.

Steine beherrschen auch den Rest des Tages. Auf der Fahrt über die Inseln Lewis und Harris sieht man soweit das Auge reicht Berge mit Millionen Steinen und Findlingen bedeckt. Die Straße dabei ist unglaublich kurvig. B mehr als A-Straßen und noch mehr C-Straßen, wovon wir nur eine fahren. Kaum zu erahnen sind manchmal die Richtung und das Gefälle nach einer Kurve. Vielleicht kommt ja auch eine Steigung? An der Westküste von Harris überwältigen uns mehrere riesige, feine, weiße Sandstrände. Es fehlen nur die Palmen, eine annehmbare Wassertemperatur und man könnte sich in der Südsee wähnen.

HIGHLAND GAMES | Erleben wir in Tong auf Lewis. Mehr ein größeres Dorffest mit ernsthaften Wettbewerben. Einen Nachmittag lang sehen wir: Strohballen mit einer Forke über eine sechs Meter hohe Leine werfen; Hammerwerfen in die Höhe über eine Latte; Kugelstoßen; Gewichtheben mit Autorädern; einen Traktoranhänger mit zwei riesigen Baumstämmen, einem Faß Wasser, einem Zementblock und einem Sack Blei beladen; Autos umwerfen (was nur einer der starken Männer schafft). Außerdem findet noch ein Tanzwettbewerb für Mädchen und ein Dudelsackwettbewerb statt. Fürs Volk: Sprints und Ausdauerläufe.

SUMMER ISLES | Eine Gruppe von 30 Inseln und Inselchen. Waren nicht geplant. Unhandiges Wetter versetzte uns dorthin. Und wir sind nicht enttäuscht. - Kyms erster Segeltag beginnt mit Hoch-Am-Wind-Kurs und Vollzeug. Was zuerst noch erreichbar scheint, gerät unterwegs immer mehr ins Unerreichbare. Bis sieben Windstärken lassen das Schiff voll in die See hauen. Wir müssen abfallen. Ändern unser Ziel. Wind in Verbindung mit Strömung wirft eine komische See auf. Mehrfach kommt Gischt übers ganze Boot. Kym am Ruder interessieren jedoch nur die Zahlen auf dem Log: 7,5, 8,8, 9,2,... "10,08", schreit er heraus. "Ich sage ja zur Dehler 33." Was Astrid und mich erstaunt ist folgendes: Jahrelang hatte er keine Pinne in der Hand, trotzdem hält er sicher Kurs, antizipiert rechtzeitig die Bewegungen des Bootes.

Wo wir den Anker fallen lassen ist es dann total ruhig. Wenig später stapfen Kym und ich über alle summits (Gipfel) der Insel. Die Berge sind nicht hoch, bieten aber einen tollen Ausblick auf die umliegenden Inseln und Felsbrocken und die Linien der Festlandküste. Mitten auf der eineinhalb Kilometer im Durchmesser großen Insel ein "Loch". Der Süßwassersee ist dunkel, fast schwarz, stark eisenhaltig und relativ warm. Wir machen ein paar Fotos von der Szenerie. Kym ist das nicht genug. Ihm lassen die Millionen abgerundeten Steine am Strand keine Ruhe. Mit "Landart" beschäftigt er sich seit Jahren. Man könnte sagen: Kunst mit und in der Landschaft. Nach arbeitsreichen Stunden hat er eine mannshohes Objekt erstellt.

ISLE OF EWE | 72 Meter hoch. Gras, Heidekraut, Steine. Sanfte Hügel. Das zwei Kilometer lange Eiland wirkt wie gemalt. Wir machen eine ausgiebige Wanderung, die Schafe flüchten. Wahrscheinlich alles Mutterschafe. Auf der windgeschützten Rückseite des Gipfels liege ich lange allein und starre ins Weite. Und weiter... Meinem nächsten Boot werde ich das Anhängsel EWE geben. Mutterschaf auf deutsch.

Am Südende wohnen zwei miteinander verwandte Familien. Die Grants. Die einen leben vom Fischfang. Die anderen von der Land- und Viehwirtschaft. Ihre fünf Kinder fahren täglich in die Schule aufs Festland. Das heißt, sie müssen erstmal die Meile mit dem Boot ans Land gebracht werden und dort nochmal eine halbe Stunde mit dem Schulbus fahren. Und die selbe Fahrt jeden Abend wieder zurück.

KYLESKU | Lange motoren wir. Erst als die Hälfte der 50 Meilen Strecke geschafft ist, setzen wir Segel. Kym, der steuert, überfährt fast eine Boje. Eine Handbreit zieht sie an Backbord vorbei. Ironisch meint er: "Gerade einer Gefahr, vor der man gewarnt wurde, darf man eigentlich nicht erliegen." Nach dem Runden der Felsspitzen "Point of Stoer" ziehen wir trotz mäßigen Windes schnell Richtung Kylesku. Am Ende des Lochs passieren wir eine Brücke, die außergewöhnlich gebaut ist. Erstens: geschwungen, was statische Probleme schafft und zweitens: besonders gut in das Landschaftsbild paßt. Sofern das ein Bauwerk aus Beton überhaupt kann. Interessanterweise hat das gleiche Architekturbüro, das die Oper in Sydney entworfen hat, auch diese Brücke konstruiert. Am Ende der Welt: Fünf Häuser stehen hier. Wir ankern in einer engen Bucht um die Ecke, und Kym stürmt gleich den nächsten Berg hoch. 258 Meter in 22 Minuten. Da braucht Astrid sich keine Sorge machen, daß das Essen an Bord nicht schmeckt: Spagetti + Sahne-Roquefort-Sauce.

LOCH BADCALL | Hier enden die Hebriden. Bei Dauerregen. In einer Bucht mit einer der zahlreichen Fischfarmen, einem Haus und einem Mädel, das am Ufer zeltet. Die Engländerin ist mit dem Fahrrad unterwegs. Kym holt sie zum Aufwärmen an Bord. Die Prospekte der Inneren und Äußeren Hebriden haben gehalten was sie versprachen. Sicher, das Wetter war naß, aber das wußten wir - "was wundert sich der Fisch übers Wasser", um Aldous Huxley zu zitieren. Insgesamt kein Revier für Kurzurlaubssegler. Aber eine Gegend für diejenigen, die das Wilde, das Einsame, das Einfache suchen. Viele schöne, ja andersartige Dörfer und sichere Ankerbuchten mit moderaten Wassertiefen. Sehr gefallen haben uns die Wanderungen. Du siehst einen Berg, denkst - da will ich hinauf - und meistens geht das ohne Probleme. Und wenn du es geschafft hast, schaust du hinunter auf dein Boot, das vor Anker leicht schwoit.




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